Hochsensitivität

Das Auge sagte eines Tages: "Ich sehe hinter diesen Tälern im blauen Dunst einen Berg.

Ist er nicht wunderschön?"

Das Ohr lauschte und sagte nach einer Weile: "Wo ist der Berg? Ich höre keinen!"

Darauf sagte die Hand: "Ich versuche vergeblich, ihn zu greifen. Ich finde keinen Berg!"

Die Nase sagte: "Ich rieche nichts. Da ist kein Berg!"

Da wandte sich das Auge in eine andere Richtung. Die anderen diskutierten weiter über diese merkwürdige Täuschung und kamen zu dem Schluss: "Mit dem Auge stimmt etwas nicht!"


Khalil Gibran



Die nordamerikanische Psychologin Dr. Elaine N. Aron ist Pionierin auf dem Gebiet Hochsensibilität*. Sie begann das Thema, aufgrund eigener Erfahrungen, wissenschaftlich zu erforschen. Mitte der 1990er Jahre kam sie zu den

Ergebnissen, dass hochsensible Menschen sowohl äußere als auch innere Reize tiefer wahrnehmen und intensiver verarbeiten als andere. Bislang wird angenommen, dass dies mit der Gehirnfunktion, genauer gesagt mit der Filterfunktion des Thalamus zusammenhängt (bewusste Reizwahrnehmung: normal: 20, hochsensibel: bis 2000). Hochsensibilität ist dabei als ein angeborenes, eigenständiges Persönlichkeitsmerkmal zu betrachten. Sicherlich gilt es zu berücksichtigen, dass hochsensible Menschen vor der Herausforderung stehen mit stetig zunehmenden Stressoren umzugehen. Die Thematik Hochsensibilität ist jedoch nicht neu. Bereits seit dem 19. Jahrhundert gibt es Forschungen zum Thema „Der sensible Mensch“. Hochsensibilität ist somit weder eine Erkrankung oder Störung noch eine Modeerscheinung, sondern eine psychologische und neurophysiologische Ausprägung, die einen stabilen Anteil von etwa 15-20% in jeder Population und somit auch in der menschlichen Bevölkerung ausmacht. Die feine Wahrnehmung dient als eine Art Frühwarnsystem zur Arterhaltung.


Hochsensibilität ist nicht direkt messbar, sondern vielmehr aus dem Gesamtkontext erschließbar. Zur Orientierung dient die folgende Merkmalsliste für hochsensible Menschen:

  • Gefühle des "Andersseins", augenscheinlich Schwierigkeiten in sozialen Kontakten, Ausnahme: unter Gleichgesinnten

  • ausgiebiges Reflektieren, augenscheinlich Schwierigkeiten bei der Entscheidungsfindung

  • ausgeprägte Empathie

  • holistische, intensive Wahrnehmung (auch medial/6. Sinn)

  • ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, Loyalität, Wahrheitsliebe

  • „anderer“ Humor (davon aber viel)

  • kreative, künstlerische Fähigkeiten

  • ausgeprägte emotionale Verwundbarkeit

  • überhöhte Selbstansprüche, Selbstzweifel, Selbstkritik, Perfektionismus

  • reiches Innenleben, komplexe Denkweise, sehr gutes Gedächtnis, hohe Intelligenz

  • hohe Empfindlichkeit gegenüber Lärm, Geruch, Geschmack, Licht und Farben, Berührungen, Empfindungen aus dem Körperinneren

  • starke Schmerzempfindlichkeit

  • Empfindlichkeit gegenüber Arzneimitteln, insbesondere Psychopharmaka und/oder Narkotika

Diese Merkmale müssen nicht alle vorhanden sein, um von Hochsensibilität sprechen zu können.



* Die Begriffe Hochsensibilität und Hochsensitivität werden hier synonym verwendet.